Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul!

Natürlich konnte ich es kaum erwarten, das Schiff einmal näher anzuschauen. Gleich am Morgen nach Weihnachten marschierte ich voller Erwartungen in den Stall – sorry, Werkstatt. Einfach toll, das Bild das sich da bot, von weitem. Ich bemerkte relativ schnell, dass man zwischen den Plankenstössen hindurchschauen konnte. Das ist ja nicht verwunderlich nach so langer Zeit im Trockenen. Als ich dann am Bug eine kleine Stelle, die aufgequollen war genauer anschaute, merkte ich, dass man mit blossem Finger ein Loch in die Planken kratzen konnte. Na ja, beim Butz – meinem 45er nationalen Kreuzer –  war noch ein Schraubenzieher nötig und man hat es auch wieder hingekriegt.

Also Leiter her und nichts wie rein in den 15m2 SNS. Was da für Kram im Schiff lag! Für Segel, Paddel, Schöpfer und Trossen hatte ich ja Verständnis, weniger für eine Lichterschlange, Batterie und Stereoanlage. Kann man so segeln in einem offenen Boot? Na dann, erst mal alles Zeug raus!

Da kam schon einiges zusammen. Doch bald spürte man, dass das doch ein heimeliges Schiff war. Die nahezu schwarzen Planken verströmten einen Hauch von Geschichte. Wer ist wohl schon alles auf diesen Bodenbrettern gestanden und auf dem Deck gesessen? Ich probierte es mal an der Pinne, die unter Deck geführt wurde. Schon bald lief ein Film ab, wie es sein könnte, mit Surprise durch die Wellen zu gleiten. Der Bauch sagte mir aber, das wird wohl nicht in der nächsten Segelsaison sein.

Mutig begann ich die unpassenden Sperrholzplatten, welche die Bodenbretter sein sollten, auszubauen. Darunter fand ich die nautisch anmutende graue Bilgenfarbe, von der mann weiss: Nie wegkratzen, sonst kriegst du Hühnerhaut. Also liess ich es und schaute mir mal die Spannten, Bodenwrangen und Kielplanke an. Ein Kratzen mit dem Schraubenzieher verkündete nichts Gutes. Alles ziemlich weich. Die Spannten sahen zwar noch recht gut aus, aber die Enden zum Deck wie zur Kielplanke waren alle schwarz. Offenbar waren die Spannten verschraubt, denn man sah keine Nieten.

Ich kroch unter das Deck und fand eine interessante Deckskonstruktion: Das Unterdeck war diagonal mit dünnen ca. 10cm breiten Leisten verlegt, vermutlich auf die Decksbalken aufgenagelt. Das Holz sah recht gut aus. Ein weiteres Erforschen des Decks ergab allerdings eine herbe Überraschung: das vermutlich originale Leinendeck wurde mit einer Sperrholzplatte überklebt, welche Nuten zur Nachahmung eines Stabdeckes aufwies. Das alles war komplett schwarz und teilweise aufgequollen. Die Verbindung zur Schale bildete eine Scheuerleiste, welche komplett verrottet war. Man konnte ahnen, was darunter hervorkommen würde.

Die Planken selber machten von Innen einen mässigen Eindruck. Vor allem schien es, dass schon einige Male Plankenteile ausgewechselt wurden. Die Stösse waren stumpf mit Verstärkungen vernietet.

Ein Höhepunkt der „Bootsbaukunst“ an Surprise war der überall eingespritzte Bauschaum zur Abdichtung lecker Stellen. Da waren wohl unkomplizierte Personen am Werk.

Irgendwie kam eine Mischung zwischen Resignation, Herausforderung und Vorfreude auf. Konnte man so ein Boot überhaupt sanieren? Wenn „man“ ich bin, wie komme ich dann an all das Wissen heran, das es braucht, um so etwas zu tun? Mein Trost: Schlimmer wird es nicht.

An der Pinne sitzend überlegte ich mir, was wohl die ersten Schritte seien. Den „Larsson“ hatte ich mir bereits früher angeschafft. Das Buch wird nun wohl zur Bettlektüre.

Zum Glück gibt es das Internet und zum Glück war ich schon Mitglied des Freundeskreises Klassischer Yachten. Da gibt es ein Restaurierungsforum und es sind auch immer Restaurierungsseminare ausgeschrieben. Also: Zum Seminar anmelden und in den Foren nach Tipps suchen, wie man so ein Projekt anpackt.

Bis zum Know how  Aufbau konnte ich ja schon mal die weisse Farbe von der Aussenhaut kratzen. Die beste Bekämpfung des dumpfen Bauchgefühls ob der Herausforderung ist die Aktivität, mit der man glaubt zum Ziel zu kommen.

 

 

 

 

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